Kommentare

Kommentare

 
 
 
 
 
 
 
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Aus Sicherheitsgründen speichern wir die IP-Adresse 23.20.193.33.
Es könnte sein, dass Ihr Eintrag im Gästebuch erst sichtbar ist, nachdem wir ihn geprüft haben.
Wir behalten uns das Recht vor, Einträge zu bearbeiten, zu löschen oder Einträge nicht zu veröffentlichen.
Christiane Bindl, Therapeutin aus Nürtingen schrieb am 3. März 2016:
Die von der Initiative aufgezeigte Problematik kann ich durch meine Erfahrungen bestätigen. Teilweise werden Kinder von weiterführenden Schulen zu uns in Therapie verwiesen wegen angeblicher Konzentrationsprobleme. Fakt ist, dass die Kinder schlicht überfordert sind mit der zeitlichen Eingebundenheit in die Schule.

Ebenso benötigen unsere Therapiekinder sehr oft die ganzen Ferien zur Erholung für sich und kommen auch nicht mehr zur Therapie, da die Schule sie so erschöpft. 

Wo kommen wir denn da hin? Unser Sohn ist in der ersten Klasse, und schon heute mache ich mir Gedanken über die weiterführende Schule. Das Gymnasium kommt für mich derzeit so nicht in Frage, da zuviel Freizeit und Erholungswert auf der Strecke bleiben. Haben wir denn schon kleine Erwachsene oder sind es Kinder, die auch in ihrer Freizeit, gerade über Anregung der Phantasie, lernen?
Dr.Andreas Wagner schrieb am 23. Februar 2016:
Die musikalische Bildung ist zurzeit von verschiedenen Seiten aus bedroht, zumindest wenn man darunter mehr versteht, als dass eine größere Gruppe von Kindern sich im Rahmen eines Betreuungsprogramms in irgendeiner Weise geräuschvoll artikulieren kann.

Dabei ist im Grundsatz gar nichts einzuwenden gegen niederschwellige
Großgruppenangebote, die einen Erstkontakt herstellen können zur Welt der Musik, die Instrumente bekannt machen, die Neugierde und Freude am Musizieren in der Gruppe wecken. Aber was kommt danach? Was folgt auf den Einstieg? Nachhaltige musikalische Förderung geschieht (oder muss man schon sagen "geschah"?) auf
verschiedenen Ebenen: Wer auf einem Instrument ein passables Laienniveau oder mehr erreichen will, kommt um Individualunterricht nicht herum, auch nicht ums regelmäßige Üben.

Parallel ist es wichtig, dass die erworbenen Fähigkleiten in Ensembles weiterentwickelt werden können, seien es nun schulische oder außerschulische Gruppen. Hier werden musikalische Erfahrungen vertieft, musikalisches Denken in einem sozialen Kontext eingeübt (z.B. Intonation, Pausen zählen, ein gemeinsames Tempo finden, den Faden wiederfinden usw.) und Bekanntschaft mit einem Repertoire an traditioneller und zeitgenäössischer Musik gemacht. Dabei lernen Kinder "nebenbei" ganz wichtige außerfachliche Dinge (heute vielfach als "Soft Skills" bezeichnet): Konzentration, Fokussierung, Ausdauer, Fleiß, Genauigkeit, Sensibilität für die anderen usw. Das Spielen in der Gruppe fordert heraus, gleichzeitig trägt es über Durststrecken, die jeder in der Musik erlebt hat, hinüber. Wieviele haben nur deshalb mit 13 die Geige nicht an den Nagel gehängt, weil sie mit ihren Freunden im Orchester gespielt haben?

Diese gewachsene Tradition musikalischer Bildung, die sich in einer Art Dreieck zwischen Instrumentalunterricht, häuslich-familiärem Umfeld und Ensemble entwickelt, benötigt einen gewissen Nährboden, der vor allem aus einem besteht: Freiraum. Wenn Kindheit und Jugend heute immer mehr verplant und eingeengt wird zwischen Ganztagsbetreuung und G8, dann verschwinden diese Freiräume peu à peu.

Bildungseinrichtungen werden umdefiniert in reine
Berufsvorbereitungsstätten, oder - schlimmer noch - in Aufbewahrungsanstalten für Kinder, damit sich Eltern vollständig ihrer Erwerbsarbeit widmen können (bzw. sollen). Hinter beiden Denkweisen stehen ökonomische Interessen, die zwar im Kern eine Berechtigung haben, die sich aber weitgehend ungebremst zur einzig vorherrschenden Maxime aufblasen. Die Bildungsökonomie, vor zwei Jahrzehnten noch unbeachtetes Stiefkind der Bildungswissenschaften, erobert immer weiteres Terrain und präsentiert sich selbst als Leitstern allen bildungspolitischen Handelns.

Hier sind die Menschen gefordert, die im Kulturbereich hauptberuflich oder ehrenamtlich tätig sind, in Schulen, Musikschulen, Orchestern, Chören, Theatern, Museen usw. Gegenpositionen müssen formuliert und in die öffentliche Diskussion getragen werden, wenn wir wollen, dass auch in zwanzig Jahren noch Kinder Klavier, Waldhorn oder Klarinette spielen, im Chor singen oder ins Ballett gehen.

In Bezug auf die Ganztagsschule haben wir uns sehr intensiv in die Gesamtthematik eingearbeitet und ein Buch geschrieben, das unter dem Titel "Wider die Verplanung der Kindheit. Ganztagsschule oder Freiram zum Leben?" ganz aktuell (2016) bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen ist. Kulturelle Bildung spielt darin eine Rolle. Es werden aber auch zahlreiche andere Aspekte angesprochen, die mit der Thematik zusammenhängen: Was ist eigentlich
"individuelle Förderung"? Was kann Ganztagsschule realistisch betrachtet überhaupt leisten? Was sagt die empirische Bildungsforschung? Welche familien- und demographiepolitischen Ziele werden verfolgt? Wer steht eigentlich hinter der Ganztagsschulwelle? Länder mit etablierter Ganztagsschule und G8-System wie Frankreich machen es vor, wie es bei uns in einigen Jahren vermutlich aussehen wird, wenn niemand gegensteuert.

Dr. Andreas Wagner, Trier